Unsere Trainer:innen im Portrait
Unsere Trainer:innen stellen sich vor – Interviews von Monika Röder
Tatjana Decsi
„Schickt die Kinder ins Tanzen – das ist mein Rat.„
Tatjana Decsi kommt aus Remseck, ist 27 Jahre alt und unterrichtet seit September 2024 wieder im Schwarz‑Weiß‑Club Esslingen e.V.: Kinderballett, Ballett für Jugendliche und Erwachsene sowie Jazz Dance – vier Gruppen hintereinander, jeden Mittwoch.
Tanzen begleitet sie seit ihrem dritten Lebensjahr. Nach der Realschule entschied sie sich ganz bewusst gegen klassische Ausbildungswege und für eine künstlerische Laufbahn. Sie absolvierte eine Tanzausbildung in Winnenden und erwarb parallel dazu an der Abendschule die Fachhochschulreife. Direkt nach der Tanzausbildung absolvierte sie zunächst ein Bachelorstudium in Personalmanagement und anschließend ein Masterstudium in Entrepreneurship.
Heute arbeitet sie Teilzeit in einem Unternehmen und unterrichtet rund 15 Stunden pro Woche als freiberufliche Tanzpädagogin – in Esslingen, Remseck und Backnang. Tanzen ist für sie Ausgleich, Leidenschaft, aber bewusst kein Vollzeitberuf, weil ihr sonst der Spaß am Beruf verloren gehen würde. In dieser Kombination findet sie ihre Sicherheit und kann dennoch ihre Tanzleidenschaft im Ballett und Jazz Dance ausleben – und gibt diese Freude an ihre Gruppen weiter.
Interview mit Tatjana
Wie bist du zum Ballett gekommen oder zum Jazztanz? Wolltest du es oder war es die Intention der Eltern?
Also ich habe alle möglichen Tanzstile getanzt. Ich habe nicht mit Ballett angefangen, sondern mit Kindertanz – und danach wirklich alles ausprobiert: Jazzdance, Hip-Hop, Flamenco, orientalischen Tanz, Stepptanz, Modern und Contemporary. Stepptanz hab ich geliebt. In meiner Ausbildung habe ich dieses ganze Spektrum vertieft, inklusive Pädagogik.
Heute werden vor allem Trainerinnen für Ballett und Jazztanz gesucht, und so bin ich nach und nach in diese Schiene rein gerutscht. Besonders im Jazz fühle ich mich sehr wohl. Hip-Hop tanze ich zwar gern, aber unterrichte es nicht gerne, weil ich mich darin nicht sicher genug fühle, um wirklich gute Inhalte zu vermitteln. Einen Anfängerkurs könnte ich geben, aber ich wäre nicht zufrieden damit.
Ich möchte gern das unterrichten, worin ich mich fachlich stark fühle und weiß, dass ich meinen Schülern wirklich etwas beibringen kann – genau das ist mir sehr wichtig.
Wie kam es zum Engagement als Trainerin im SWC?
Das war 2018 reiner Zufall: Eine Kommilitonin aus meiner Tanzausbildung leitete damals im SWC die Kurse, zog nach ihrem Abschluss aber zurück in ihre Heimat und suchte eine Nachfolgerin. Ich habe mich gemeldet, die Gruppen übernommen – und seitdem hat sich vieles verändert: Einige Kurse sind weggefallen, neue sind dazugekommen, die Struktur hat sich über die Jahre immer wieder gewandelt.
2023/24 habe ich ein Jahr pausiert, um mich auf mein Studium zu konzentrieren. In dieser Zeit übernahm eine Vertretung. Als sie später nach Australien zurückging und der Club erneut jemanden suchte, war für mich klar: Ich komme zurück. Ich habe die Kurse immer gern unterrichtet – und bin jetzt seit zwei Jahren wieder dabei.
Wie hast du deine erste Trainerstunde in Erinnerung behalten?
An die allererste Stunde erinnere ich mich nicht mehr genau – aber an die frühen Gruppen schon: Damals habe ich eine gemischte Ballettgruppe übernommen, in der Anfänger und Fortgeschrittene zusammen trainierten. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Gerade im Ballett lassen sich zwei so krass unterschiedliche Levels nicht miteinander kombinieren. Frisch aus der Ausbildung war das für mich eine große Herausforderung. Ich habe im Club angeregt, die Gruppe zu trennen – und seitdem läuft es deutlich besser.
Schön sind die Momente, in denen ich ehemalige Kinder wiedersehe. Beim Meisenfest habe ich eine Gruppe auftreten sehen, und ein Mädchen kam mir sofort bekannt vor: Sie war früher bei mir im Kinderballett, bei den ganz Kleinen. Jetzt tanzt sie im Teens Level – und diese Entwicklungsschritte zu beobachten ist einfach wunderbar. Sie hat mir zugelächelt, obwohl sie natürlich konzentriert ihre Choreo tanzen musste. Solche Begegnungen zeigen mir, wie schnell die Kinder gewachsen sind und dass sie dem Tanzen treu geblieben sind.
Was unterrichtest du dann trotzdem lieber?
Ich unterrichte sehr gern Ballett, aber im Jazz fühle ich mich am wohlsten – sowohl im eigenen Tanzen als auch im Unterrichten. Dort bin ich sicherer, freier und einfach mehr ich selbst.
Gibt es so Überscheidungen im Jazzdance und zum Ballett oder ergänzt sich das?
Sowohl als auch. Jazzdance und Ballett gehören für mich zusammen: Jazz basiert in vielen Teilen auf Balletttechnik, und ich empfehle jedem, der mit Jazzdance oder überhaupt mit Tanzen beginnt, zuerst ein Jahr Ballett im Grundkurs zu machen. Die Haltung, die Musikalität und die Koordination zwischen Arm, Bein, Fuß und Hand, die man dort lernt, erleichtern später jeden anderen Stil. Ich sehe das seit Jahren: Wer einmal Ballett getanzt hat, findet viel schneller in andere Tanzstile hinein.
Auch im Unterricht überschneiden sich die Stile ständig. Im Jazzdance tauchen viele Übungen und Bewegungen auf, die direkt aus dem Ballett kommen, und modern gestalteter Ballettunterricht enthält wiederum Elemente, die lockerer und zeitgenössischer sind.
Diese Verbindung macht für mich den Reiz aus – und zeigt, wie wertvoll eine solide Ballettgrundlage ist.
Hast du Vorbilder im Ballett oder auch im Jazzdance?
Ich habe keine festen Vorbilder – zumindest keine einzelnen Personen.
Wie entsteht eine Choreografie bei dir?
Ich lasse mich von vielen Quellen inspirieren, vor allem über Social Media. Wenn mir etwas gefällt, was ich so richtig toll finde, Bewegungen oder Ideen, die mich begeistern, speichere ich sie ab und interpretiere sie neu. Ich bin kein Fan davon, Schritte eins zu eins zu übernehmen. Gerade im künstlerischen Bereich ist es mir wichtig, meinen eigenen Stil und meine eigene Handschrift zu bewahren. Inspiration ja – Kopie nein. Deshalb baue ich meine Choreografien grundsätzlich selbst auf, auch wenn das Zeit braucht.
Ich gehe auch gern ins Staatsballett und lasse mich von Aufführungen inspirieren. Manchmal bleibt eine schöne Bewegung oder eine Aufstellung hängen und taucht später in meiner Arbeit wieder auf. Es ist ein laufender, kreativer Prozess, der sich ständig weiterentwickelt.
Dabei spielt die Gruppe eine große Rolle. Nicht jede Idee passt zu jedem Level oder jeder Dynamik. Manche Dinge sehen großartig aus, funktionieren aber nicht, wenn die Gruppe zu klein ist, die Formation nicht aufgeht oder die Technik noch nicht da ist. Deshalb schaue ich immer genau hin, was möglich ist – und was die Gruppe braucht.
Was ist denn dir im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen besonders wichtig?
Ich unterrichte zwei sehr anspruchsvolle Altersgruppen: Kinder und Teenager. Bei Jugendlichen ist es wichtig, sie nicht zu etwas zu drängen. Viele wechseln in diesem Alter ihre Hobbys oder finden Ballett plötzlich „peinlich“ und hören auf. Da ist es schwierig sie zu halten Deshalb arbeite ich flexibel: Wenn ich merke, dass heute gar keinen Bock haben oder sie mental woanders sind, passe ich den Unterricht an – mal mehr Matte, mal was Modernes, mal Jazz. Struktur bleibt wichtig, aber innerhalb dieser Struktur muss ich flexibel bleiben, sowohl bei den Teens als auch den Kindern.
Bei den Kleinen ist Empathie entscheidend. Ein „Aua“ am Finger oder am Fuß, plötzlich haben alle ein „Aua“ oder wenn eine aufs Klo muss, müssen plötzlich alle aufs Klo. Das kann herausfordernd sein, vor allem mit 15 Kindern zwischen vier und fünf Jahren. Da hilft nur eigene innere Ruhe – zugegeben da bin ich nicht immer so ausgeglichen, manchmal wirklich angespannt. Die Kinder spüren jede Stimmung. Also immer Ruhe bewahren. Kinder wollen sich bewegen, da wird es manchmal laut. Musik auflegen und eine Runde Stopptanz machen – dann sind die Kinder happy.
Gleichzeitig brauchen Kinder klare Regeln, Konsequenz und Struktur. In neuen Gruppen vermittle ich dies gleich zu Anfang und sage deutlich, wie der Unterricht funktioniert – für mich und für sie. Regeln gelten für alle, z. B. wenn sich jemand fünfmal an die Stange hängt, obwohl es verboten ist, setzt sie auch mal eine Runde aus. Das ist Lernen.
Disziplin ist essentiell, egal ob im Verein, in der Schule oder zu Hause. Ich merke, wie sehr sich Kindergruppen über die Jahre verändert haben: weniger Konzentration, weniger aufnahmefähig, weniger Konsequenz, weniger Respekt. Das macht die Arbeit anspruchsvoller – aber umso wichtiger ist es, ihnen klare Orientierung zu geben und gleichzeitig ein gutes Miteinander zu schaffen.
Hast du ein Ritual vor oder nach einer Stunde?
Nach einer Unterrichtsstunde fahre ich direkt nach Hause, mache im Auto laut Musik an und lasse meine Gedanken treiben. Ich bin dann noch voller Adrenalin und Freude – schlafen kann ich direkt danach nie. Auch wenn manche Stunden super anstrengend sind, gehe ich fast immer mit einem starken Gefühl raus, weil mir Kinder und Erwachsene im Unterricht so viel Energie zurückgeben.
Vor dem Unterricht brauche ich dagegen Ruhe. Ich mag es nicht, vorher viel Trubel zu haben, sondern nehme mir bewusst Zeit, um mich zu sammeln und die Struktur der Stunde durchzugehen. Deshalb lasse ich die Kinder erst kurz vor Beginn in den Saal. Diese kleine Vorbereitung ist für mich wichtig, damit ich mit voller Energie starten kann.
Wie bringst du mit einem einfachen Ritual sofort Ruhe, Fokus und Ballett‑Feeling in deine Stunde?
Gerade mit den Kleinen habe ich ein festes Ritual: Wir beginnen jede Stunde im Kreis, die Kinder sitzen auf ihren Yoga‑Blöcken, die wir seit neuestem haben, rufe die Namen auf, jedes Kind steht auf, macht einen kleinen Knicks und setzt sich wieder. Das gibt ihnen Orientierung und zeigt: Jetzt beginnt der Unterricht. Von Ferien zu Ferien arbeite ich mit wechselnden Aufwärmprogrammen, die sich über mehrere Wochen wiederholen.
Auch bei den Größeren starte ich mit dem gleichen Begrüßungsritual. Danach spielen wir oft „Ballett‑Stopptanz“: Die Kinder tanzen durch den Raum, dürfen ihre Energie raus lassen, und wenn die Musik stoppt, müssen sie nicht nur stehenbleiben, sondern ich gebe ihnen eine Aufgabe – eine bestimmte Fuß‑ oder Armposition. So kommen sie spielerisch in die Technik und erinnern sich wieder an die Grundlagen, bevor wir in den eigentlichen Unterricht einsteigen.
Welche Elemente gehören bei dir immer in eine Stunde rein?
Im Kinderballett gehören immer Übungen an der Stange dazu, aber erst ab etwa sechs oder sieben Jahren. Die ganz Kleinen führe ich nur spielerisch an die Stange heran – mal berühren, mal kurz dort stehen, mehr nicht. Wichtiger ist für sie, sich frei durch den Raum zu bewegen. Sie sollen selbstständig eine Bewegung ausführen, hüpfen, laufen, drehen, ohne sich hinter der Gruppe zu verstecken. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und hilft ihnen, eigenständig zu tanzen.
Welcher große Bühnenauftritt würde dich am meisten reizen?
Ich fände es cool und wünsche mir für den Club einen so richtig großen Auftritt – eine richtige Bühnenproduktion, wie sie viele Tanzschulen alle paar Jahre machen. Eine Show mit Thema, Geschichte, Rollen und Kostümen, in der die Kinder in Figuren schlüpfen können und ein echtes Bühnengefühl erleben. Früher gab es so etwas wohl schon einmal. Der Club hatte eine große Halle gemietet und wir Gruppen sind aufgetreten. Kinder lieben es zu tanzen – und noch mehr, wenn sie sich hübsch anziehen können, gerade im Ballett.
Wie hältst du im Unterricht Auftritt und Technik in Balance?
Ich möchte den Kindern gern Auftrittsmöglichkeiten geben – das brauchen sie – aber ohne den Unterricht ein ganzes Jahr nur auf eine Show auszurichten. Mir ist wichtig, dass Technik und Grundlagen immer im Mittelpunkt bleiben. Eine altersgerechte Choreografie lässt sich gut damit verbinden.
Wie entsteht eine Choreografie bei dir und wie viel Zeit brauchst du dafür?
Schwer zu sagen. Ich entwickle meine Choreografien Schritt für Schritt. Am Anfang entstehen meist sechs bis acht Achter, für die ich – je nach kreativer Phase – zwei bis drei Stunden brauche. Im Ballett geht es oft schneller, weil die Schrittfolgen klarer strukturiert sind. Im Jazzdance ist es aufwendiger: Ich passe die Bewegung an Musik, Text, Stimmung und Dynamik an und entscheide, ob es lyrisch, taktbetont oder mit Partnerarbeit sein soll.
Besonders herausfordernd sind die Aufstellungen. Zu Hause muss ich mir genau vorstellen, wie neun Kinder sich von einer Formation in die nächste bewegen können. Woche für Woche füge ich neue Achter hinzu, verändere Übergänge und feile an Details. Eine Choreografie wächst bei mir organisch – und braucht Zeit, bis sie wirklich funktioniert.
Wie hältst du dich selbst fit?
Ich halte mich vor allem durch meinen eigenen Unterricht fit, weil ich dort viel mitmache und die Vorbereitung mich zusätzlich fordert. Seit neuestem tanze ich selbst Hip-Hop in einem Kurs und trainiere zu Hause über eine Tanzplattform. Fitnessstudio war nie so mein Ding – ich brauche die Kursstruktur und eine Gruppe wo ich mitmachen kann. Zu Hause gehe ich viel mit meinem Hund spazieren. Das ist für mich entspannend, gibt mir frische Luft und genug Ausgleich. Insgesamt bekomme ich durch Unterricht, Bewegung und die Spaziergänge genau die Mischung, die mir guttut.
Was macht dich denn ganz besonders stolz?
Wenn ich sehe, wie sich meine Tänzerinnen und Tänzer entwickeln. Am Anfang sitzt eine Übung oder eine Choreografie oft überhaupt nicht – technisch unsauber, musikalisch nicht auf dem Punkt. Da klappt noch gar nichts und die Kinder sind schnell frustriert. Aber wenn wir über Wochen konsequent daran arbeiten, entsteht plötzlich ein Gesamtbild: Die Bewegungen greifen, die Musik passt, und sie tanzen voller Energie. Zu sehen, wie sie über sich hinauswachsen und selbst merken, dass es klappt, macht mich jedes Mal glücklich.
Wer ist denn dein größter Fan?
Oh, mein größter Fan ist meine Mama, auf jeden Fall!
Was liegt dir besonders am Herzen?
Mir liegt besonders am Herzen, dass jedes Kind tanzen sollte und darf. Ganz egal, ob Junge oder Mädchen und egal, ob nur für ein halbes Jahr oder länger – das sage ich zu allen meinen Freunden. Tanzen gibt ihnen so viel, sie lernen so viel für sich: Selbstbewusstsein, Haltung, Musikalität, Kreativität und vor allem Bewegung. In einer Welt, in der Kinder immer mehr Zeit vor Smartphone, Tablet und Laptop verbringen, ist Tanzen ein wichtiger Ausgleich. Es bringt sie in den Körper, in die Musik und in ihre eigene Ausdruckskraft. Deshalb sage ich allen: Schickt eure Kinder ins Tanzen – sie machen dadurch enorme Entwicklungssprünge. Bewegung ist extrem wichtig.
Vielen Dank, Tatjana, für das offene Gespräch und die schönen Einblicke – bewahre dir deine Leidenschaft fürs Tanzen und begleite deine Schüler weiterhin dabei, über sich hinauszuwachsen.
Das Interview führte Monika Röder