Unsere Trainer:innen im Portrait

Unsere Trainer:innen stellen sich vor – Interviews von Monika Röder

Alexandra Brauch

Vom Ballettsaal ins Klassenzimmer – und wieder zurück 

Alexandra verbindet Welten, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Mathematik, Biomechanik und die Kunst des Balletts. Aufgewachsen in Berkheim, verwurzelt in einer Ballettschule, wissenschaftlich geprägt durch Studium im Lehramt und Promotion in den Sportwissenschaften – und gleichzeitig seit Kindheitstagen verliebt in die Eleganz des Balletts und Tanzes.

Heute steht sie sowohl im Klassenzimmer des Johannes‑Kepler‑Gymnasiums in Stuttgart Bad Cannstatt, unterrichtet Mathe, Sport, Biologie und gleichzeitig im Ballettsaal des Schwarz-Weiß-Club Esslingen e.V:, wo sie seit über 16 Jahren Kinder und Jugendliche im klassischen Ballett prägt. Sie liebt die Schule, das Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Der Tanz bleibt fester Bestandteil ihres Lebens – auch als ihre eigenen Kinder kommen und der Alltag enger wird. 

Ihr Lebenslauf ist gezeichnet von zwei konstanten Linien, die sich immer wieder kreuzen: Wissenschaft & Schule auf der einen Seite – Tanz & Pädagogik auf der anderen. Beides läuft seit vielen Jahren parallel und bereichert sich gegenseitig. 

Alexandra zeigt, wie sich Leidenschaft, Wissenschaft und pädagogisches Herzblut zu einer besonderen Kraft verbinden können.

Ein Gespräch über Unterricht, Ballett, Motivation und die besondere Magie langfristiger Beziehungen.

Foto (privat): Alexandra Brauch

Interview mit Alexandra

Wie bist du selbst zum Balletttanz gekommen? 

Mit fünf Jahren stand ich zum ersten Mal an der Stange, in der Ballettschule bei Gabriele Paulitschek in Nellingen. Dort bin ich groß geworden, habe ganz viel trainiert und blieb bis zum Abitur, lernte Disziplin, Ausdruck, Körpergefühl. Frau Paulitschek habe ich wahnsinnig viel zu verdanken. Sie legte den Grundstein für meine Leidenschaft, die mich nie wieder losgelassen hat. 

Wie kam es zum Engagement als Ballett-Lehrerin im SWC?

Nach dem Abitur studierte ich Lehramt mit Mathe, Sport und Biologie und promovierte anschließend in den Sportwissenschaften Biomechanik. Ein Themenbereich, der alles verbindet: die Mathematik, die Mechanik, die da drinsteckt und die Bewegung des Körpers an sich. Es hat mich schon immer fasziniert, wie der Körper funktioniert, wie die Zusammenhänge sind.

Bereits im Studium an der Universität Stuttgart / Hohenheim habe ich Seminare für Ballettpädagogik für Kinder belegt und wollte mit dieser Zusatzausbildung auch Ballettkinder unterrichten. So kam es, dass ich als Nebenjob im Studium zwei Kinder-Ballettgruppen im SWC unterrichtete. Einige der Mädchen, die damals mit vier Jahren bei mir anfingen, stehen heute als junge Erwachsene immer noch in meiner Gruppe regelmäßig an der Stange. Eine Seltenheit, die man im Vereinssport kaum findet. Das ist natürlich fantastisch, weil man die Kinder richtig aufbauen kann.  

Wie hast du deine erste Trainerstunde in Erinnerung behalten? 

Tatsächlich ist das schon ganz schön lange her. Es war Samstagmorgens, verdammt früh um 9.30 Uhr. Und die Kinder, was mich im ersten Moment erschrocken hat, die Kinder haben so erwartungsvoll vor mir gesessen. Haben nichts mehr gesagt, schauten mich nur an. Das ist schon eine Situation, mit der man einfach umgehen muss. Das verlor sich aber schnell über die Stunde und am Schluss waren die Kinder total aufgedreht, rannten herum – und es war schön zu sehen, wieviel Spaß ihnen das Tanzen gemacht hat. 

Was fasziniert dich persönlich am Ballett und was hat dich geprägt?

Also es gibt für alles eine Regel. Es gibt nichts, was man einfach so machen kann. Sondern es gibt ganz klare Reihenfolgen. Es gibt ganz klare Abfolgen. Es gibt ganz klare Bewegungsausführungen. Das wurde einmal festgelegt. Und das wiederholt man einfach. Es ist faszinierend, dass dieses einfache System, sich so etabliert hat und einfach funktioniert. 

Und obwohl es eine so klare Linie hat, lässt sich dennoch viel tänzerisch ausdrücken und bietet gestalterische Freiheiten.  

Wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben – als Mensch und als Trainer? 

Für mich ist hauptsächlich der Spaß am Tanzen wichtig. Der Spaß an dem, was die Kinder tun. Aber auch mit einem gewissen Nachdruck, einer gewissen Motivation, mit Ehrgeiz bei der Sache zu sein. Das finde ich sehr wichtig. Es soll einfach Spaß machen für alle Beteiligten, für mich und auch für die Kinder. 

Ich glaube, ich bin schon sehr geduldig. Aber auch sehr fordernd. In der einen oder anderen Hinsicht. 

Wie gelingt der perfekte Mix aus Struktur und Freiheit im Tanzunterricht? 

Dass man einfach eine schöne Kombination von unterschiedlichen Dingen hat. In der Stunde gibt es eine logische Struktur und immer einen logischen Aufbau. Sowohl die Arbeit an der Stange, als auch die Arbeit in der Mitte und dennoch das freie Tanzen dabei nicht zu kurz kommt. 

Hast du ein Ritual vor oder nach einer Unterrichtsstunde mit den Kindern?  

Am Anfang sammle ich die Kinder. Sie erzählen wie ihre Woche war. Das machen wir immer, das verbindet. Und am Ende schließen wir die Stunde mit einer Révérence ab, wie es im klassischen Ballett üblich ist. 

Wie gehst du mit unterschiedlichen Leistungsniveaus deiner Kinder um? 

Ich lege großen Wert darauf, dass meine Kinder die Bewegungen im Ballett wirklich verstehen und nicht nur nachahmen. Auch vom Kognitiven verstehen, was passiert denn da. Klare Strukturen und feste Begriffe – wie Pliés, Assemblé – kennen die Fortgeschrittenen, während Einsteiger eigene Kurse brauchen, um die Grundlagen in Ruhe zu lernen. Durch Vereinfachungen, wie Übungen nur mit den Beinen und ohne Arme, kann ich dennoch gut differenzieren – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wichtig ist mir auch, dass die Gruppen vom Alter und Entwicklungsstand her zusammenpassen – damit jedes Kind Freude hat und sich gut entwickeln kann.  

Deshalb starte ich ab September mit einer neuen Gruppe für die Kleinen ab 4 Jahre und lege die Älteren zusammen. 

Unterrichtest du eigentlich noch an anderen Orten Ballett?  

Nein, tatsächlich nur im SWC. Das mache ich nebenher. Mein Hauptberuf ist der Lehrerberuf, aber hier fließt all mein pädagogisches Wissen genauso ein – und genau deshalb bedeutet mir dieser Unterricht so viel.

Hier im Club hängt mein Herz dran. Die Gruppe kenne ich seit vielen Jahren, und ich könnte sie nicht so einfach abgeben. Das würde mir so schwerfallen. Selbst in meiner Elternzeit war ich nur sieben Monate weg, und während Corona haben wir mit Videos weitergemacht. Die Kinder sind mir unglaublich ans Herz gewachsen. Ich begleite sie schon so lange, dass ich mir vorstellen kann, dass sie eines Tages ihre eigenen Kinder mitbringen. 

Was machst du, wenn mal ein Mädel frustriert ist und überhaupt kein Bock hat?

Das gibt es tatsächlich bei den Großen. Die kommen dann halt nicht. Im Unterricht selber ist das kein Thema. Bei den Kleinen finde ich immer einen kleinen Trick, um sie aus der Reserve zu locken. Zwischendrin ein Spielchen oder ich erzähle eine kleine Ballettgeschichte. Bei den Kleinen machen wir alles sehr spielerisch.  

Was ist denn der schönste Moment im Ballett-Unterricht für dich? 

Im Kinderballett gehören immer Übungen an der Stange dazu, aber erst ab etwa sechs oder sieben Jahren. Die ganz Klein

Wenn die Kinder sich freuen, dass mal was klappt, was vorher nicht funktionierte. Das macht einen schon stolz. 

Auch wenn wir diesmal nicht beim Meisen- und Bürgerfest auftreten, bleibt es für mich etwas Besonderes, die Kinder auf der Bühne zu sehen – wie wahnsinnig stolz sie selber auf das sind, was sie gelernt haben und gerade zeigen. Nervosität gehört dazu, sich zu hinstellen, sich zu präsentieren. Das sind tolle Erfahrungen, die die Kinder machen. Sie wachsen an den Aufgaben.

Welchen öffentlichen Auftritt würdest du gerne mit deinen Schülern wagen?

Ehrlich gesagt: Eine Ballettaufführung beim Schwörfest finde ich schwierig – wenn die anderen mit ihrem Bierkrug dastehen. Das ist auch für die Kinder nicht toll, abgesehen von den Umkleidemöglichkeiten grad für Mädchen.

Schön wäre ein Auftritt in einem festlichen Rahmen, einer geschmückten Festhalle oder einer schönen großen Bühne. Allerdings mit der notwendigen längeren Vorbereitungszeit eine Choreografie zu entwickeln, Einzustudieren und mit Extraproben. Das ist im Ballett wahnsinnig schwierig. Aufführungsvorbereitungen nehmen vom regulären Unterricht viel Zeit weg und es entfällt ein großer Teil vom eigentlichen Jahresplan. Das heißt, alles, was sie an Balletttechnik lernen sollten, fällt unter den Tisch.  

Wenn der SWC seine Jubiläumsfeier 2029 ausrichtet, wären wir gern auf der großen Bühne, zusammen mit den Standard- und Lateintänzern. Da hätten die Mädels richtig Lust drauf.  

Erstellst du dann auch eigene Choreografien? 

Ja, genau.

Woher nimmst du die Ideen dafür?

Ganz unterschiedlich. Komplette große eigene Choreographien habe ich bisher tatsächlich noch nicht gemacht. 

Ich arbeite häufig mit meinem eigenen Tanzrepertoire – was habe ich schon gemacht – und greife auf viele Workshops zurück. Sammle die Ideen der Kinder und höre mir ihre Musikwünsche an. Die Großen wünschen sich meistens irgendwas modern-zeitgenössisches. Manchmal sind kleine Improvisationsteile drin und lasse so Choreografien entstehen, die wir wirklich gemeinsam erarbeiten. Den Grundstock muss man trotzdem vorgeben. Unser Puppentanz war vorab durch Improvisation und spielerischem Ausprobieren entstanden, aus dem, was die Kinder angeboten haben.

Wie viel Zeit wendest du auf, um den Jahresplan zu erstellen?

Zu Beginn des Schuljahres lege ich eine Grobplanung fest, welche Techniken und Inhalte ich vermitteln möchte. Das geht relativ schnell, weil ich schon gewisse Erfahrung habe. Vor jeder Stunde schaue ich, was haben wir bereits gemacht, worauf können wir aufbauen, wie lässt es sich weiterführen – denn Ballett ist wahnsinnig strukturiert und hat ein klares System. Mit dieser Struktur und dennoch Freiheit, lässt sich der Plan trotz kleiner Verschiebungen immer stimmig fortführen. Lief mal etwas nicht so, dann schiebe ich es in die nächste Stunde. Das geht dann schon.  

Fließen im Ballett nicht auch schon modernere Tänze mit rein?  

Auch wenn es im klassischen Ballett nicht vorgesehen ist, lasse ich solche Elemente einfließen, weil sie sich wunderbar verbinden lassen – und die Kinder mögen das. 

Und wo ziehst du da die Grenzen? Wie modern darf dein Ballett werden?  

Ich glaube, die Grenzen kann man sich auch selber setzen. Im Club habe ich eine Hobbyklasse. Die wollen nicht als Bühnentänzer in den Beruf gehen. Ich setze den Schwerpunkt wirklich auf klassisches Ballett, ganz normal mit Übungen an der Stange und in der Mitte. Die korrekte klassische Balletttechnik auf die Bühne zu bringen ist wahnsinnig komplex und schwer. Steht einer nicht korrekt gedreht im Winkel, dann ist das ganze Bühnenbild nicht mehr richtig. Und die Tänze sind bei uns schon eher moderner.

Hast du selber Vorbilder, die dich besonders geprägt haben oder von denen du fasziniert bist? 

Ich bin in der Ballettschule in Nellingen groß geworden, habe bei Gabriele Paulitschek unglaublich viel gelernt. Einfach wie funktioniert Bewegung, wie funktioniert Ballett. Und weil sie mich bis heute beeindruckt und inspiriert, gehe ich immer noch zu ihr ins Training, das für mich jedes Mal eine echte Bereicherung ist und mich jedes Mal weiterbringt. 

Bleibt dir denn noch Zeit für anderen Sport, um dich selber fit zu halten?  

Ich stehe selbst einmal pro Woche im Ballettsaal, springe viel mit meinen Schülern in der Sporthalle umher. Nebenher spiele ich ein bisschen Tennis, fahre im Winter Ski. Ich versuche all das mit meinen Kindern weiterzumachen, was ich als Sportstudent gemacht habe. 

Was wissen die meisten Menschen nicht über dich? 

Dass ich meistens viel nervöser bin, als die Kinder, die den Auftritt machen. Und ich versuche tatsächlich, das unter den Tisch zu kehren. 

Ich glaube, das kann man schon gut überspielen. 

Was ist dir im Umgang mit den Kindern besonders wichtig? 

Mir ist ein großes Anliegen, dass sie gern kommen. 

Dass sie aber auch zuhören, wenn sie da sind und versuchen mitzumachen. Wirklich auch ausprobieren und merken: was kann ich alles mit meinem Körper machen. Was kann ich tun? Wo sind meine Grenzen? Den Körper einfach kennenlernen. 

Hast du auch Jungs dabei?  

Tatsächlich, früher hatte ich 6 oder 7 Jahre lang einen Kerle dabei. Aber der ist dann auch mit der Pubertät ausgestiegen. Leider. 

Das hat man aber in vielen anderen Sportarten auch. Wenn die Jungs in die Pubertät kommen, ist das plötzlich nicht mehr chic. 

Selbst an privaten Ballettschulen, wie die in Nellingen, sind Jungs selten. Sie gehen eher in die staatliche, professionelle Ausbildung wie der John-Cranko-Schule, aber auch dort sind Jungs rar. 

Wie bleibst du denn selber mental stark, wenn mal was nicht so klappt? 

Tief durchatmen. Und lächeln. 

Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe, und bisher haben mich die Kinder noch nicht so weit gebracht, dass ich total frustriert hier raus bin. Manchmal ist es anstrengend, wenn die Kleinen so turbulent und voller Energie sind. Aber in der Regel bekomme ich sie schon gezügelt. 

Und zum Abschluss des Interviews – was wünschst du Dir? 

Wie gesagt mein Herz hängt dran. Konstanz ist für die Kinder enorm wichtig, gerade weil es in den vergangenen Jahren öfters Trainerwechsel in anderen Gruppen gab. Insgesamt waren es bestimmt fünf bis sieben verschiedene Personen – ein ständiges Kommen und Gehen, das den Unterricht nicht leichter macht.  

Als Ballettlehrerin ist es mir wichtig, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, ihre Talente zu fördern und ihnen unvergessliche Erfahrungen zu ermöglichen. 

Vielen Dank für das interessante Interview und deinen Einsatz für unsere Kinder und Jugendlichen, sowie dein Engagement im Verein. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg, motivierte Gruppen und inspirierende Momente, in denen deine Schülerinnen und Schüler über sich hinauswachsen. 

Das Interview führte Monika Röder

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